Bildungsbericht Ruhr 2024
Außerschulische Bildung und Bildung für nachhaltige Entwicklung
7.2. Akteurstypen, Bildungsbereiche und Bildungsthemen der außerschulischen Bildung
Bezieht man Kitas mit ein, lag die Zahl der außerschulischen Bildungsakteure 2022 bei knapp 10.700 Institutionen. Diese Zahl ist eher eine Momentaufnahme. Abgesehen von möglichen Erhebungsfehlern oder Falschklassifizierungen ist von Neugründungen, Schließungen oder Zusammenlegungen von Institutionen im Erhebungszeitraum auszugehen, sodass mit einer gewissen Dynamik bei der Gesamtzahl zu rechnen ist. Dem ist gegenüberzustellen, dass die Liste der Akteure mehrfach geprüft wurde. Zudem wurden den Kommunen spezifische Listen zur etwaigen Ergänzung zur Verfügung gestellt. Die Daten wurden mit dem Rücklauf aus diesem Prozess aktualisiert. Damit gibt es zwar gewisse Unschärfen; das Bild erscheint aber insgesamt als belastbar.
Abbildung 7.1 zeigt, dass ein sehr großer Teil der außerschulischen Bildungslandschaft durch Sportvereine geprägt ist. Sie machen mehr als ein Drittel der recherchierten Institutionen aus. Die Gruppe ist sehr heterogen. Große Sportvereine mit vielen Abteilungen für unterschiedliche Sportarten finden sich hier ebenso wie kleinere Vereine, die sehr spezifische Sparten bedienen. Auch die zahlreichen Schützenvereine, bei denen der Schießsport oft mit besonderer Brauchtumspflege einhergeht, fallen in diese Kategorie.
Bei der nächstgrößeren Gruppe handelt es sich um die Kitas, die zwar in manchen Darstellungen nicht zur außerschulischen Bildung gezählt werden, die aber eine breite Vielfalt an außerschulischen Bildungsthemen abdecken. Sie machen in der Auflistung 22 % der Institutionen aus.
Mit deutlichem Abstand folgen danach die anderen Akteurstypen, angeführt von religiösen Einrichtungen und Gemeinschaften (6,9 %). Über 60 % dieser Einrichtungen sind christlich geprägt; rund ein Drittel ist verschiedenen islamischen Kontexten zuzuordnen, und ca. 6 % der Einrichtungen verteilen sich auf andere Glaubensgemeinschaften. Neben den religiösen Schwerpunkten finden sich hier oftmals kulturelle und soziale Aspekte, sodass die Grenzen zu Kultur-, Integrations- und Begegnungszentren und interkulturellen Vereinen und Initiativen oftmals fließend erscheinen und eine eindeutige Kategorisierung erschweren.
Die nächsten drei Gruppen fokussieren stärker soziale Aspekte, insbesondere in Bezug auf Kinder und Jugendliche. Sie machen zusammen rund 10 % der Organisationen aus. Auch hier ist eine Trennschärfe zu anderen Kategorisierungen – insbesondere zu religiösen Organisationen – nicht immer gegeben.
Interessant – insbesondere auch im Hinblick auf die BNE-Thematik – erscheint auf den ersten Blick die relativ hohe Zahl an Initiativen für Natur-, Klima- und Umweltschutz (227 bzw. 2,12 %). Bei näherer Betrachtung fällt auf, dass es sich bei fast einem Viertel davon um Imkereivereine handelt oder in Einzelfällen um Mischformen von Sport- und Umweltinitiativen (z. B. Flugangelsport- und Gewässerschutzverein). Die danach kommenden Akteurstypen fallen in ihrem zahlenmäßigen Gewicht ab und addieren sich insgesamt nur noch auf rund 24 %.
Die Verteilung der Bildungsakteure prägt aber nur bedingt diejenige der Bildungsbereiche und Bildungsthemen. Die Organisationen können mit ihrem Angebot mehrere Bildungsbereiche und ebenso mehrere Bildungsthemen abdecken.
In Abbildung 7.2 geht es um eine Klassifizierung des Bildungsangebots nach Bildungsbereichen. Wären alle Bildungsbereiche in der außerschulischen Bildungslandschaft in gleicher Weise vertreten, so läge ihr Anteil bei jeweils 8,3 %. Tatsächlich wird in der Abbildung deutlich, dass dies nicht der Fall ist. Die Schwerpunkte fallen in den Kreisen und kreisfreien Städten unterschiedlich aus, wenngleich das Gesamtbild recht ähnlich ist: Das starke Gewicht der Sportvereine bei den Akteuren korrespondiert mit demjenigen des Bereichs Bildung für Gesundheit und Bewegung; ebenso verhält es sich wegen des hohen Anteils der Kindertageseinrichtungen mit der frühkindlichen Bildung. Gleichzeitig sind sie aber gemessen an ihren Anteilen bei den Akteurstypen unterrepräsentiert in den Bildungsbereichen. Es zeigt sich dagegen ein relativ starkes Gewicht der kulturellen sowie der interkulturellen Bildung, die zusammen genommen in vielen kreisfreien Städten und Kreisen von über 20 % der außerschulischen Akteure bedient wird. Bemerkenswert ist auch die relativ starke Präsenz der Umweltbildung, die in einer Reihe von Gebietskörperschaften auf rund 10 % kommt oder sogar darüber liegt.
Der Bereich Bildung für nachhaltige Entwicklung ist dagegen relativ schwach ausgeprägt. Der Anteil reicht hier von unter 1 % in Duisburg bis zu knapp 6 % in Dortmund. Auf der Ebene des Ruhrgebiets liegen wirtschaftliche, sprachliche und politische Bildung bei jeweils knapp 5 %. Angesichts der großen Integrationsaufgaben des Ruhrgebiets ist es auffällig, dass der Bereich Sprachbildung hier eher marginal vertreten ist. Kitas sind unter den Bildungsakteuren mit über 600 Standorten am stärksten vertreten.
Vergleichbares gilt für die MINT-Bildung: Vor dem Hintergrund ihres hohen Stellenwerts in der Diskussion insbesondere über den Fachkräftemangel sowie angesichts dessen, dass die Hochschullandschaft des Ruhrgebiets einen deutlichen Schwerpunkt bei den Ingenieurstudiengängen hat (Kapitel 5.4), ist es bemerkenswert, dass dieser Bereich außerschulisch mit knapp 4 % eher zu den schwach vertretenen Bildungsbereichen zählt. Hier sind u. a. Industrie-, Handels- und Handwerkskammern, Infrastruktureinrichtungen, Innovations- und Technologiezentren, aber auch wieder viele Kitas (357) aktiv. Konzepte wie beispielsweise im Rahmen von „KidsgoMINT“ oder über Angebote der Stiftung Kinder forschen sind inzwischen in vielen Kitas etabliert. In der Regel gehen derartige Konzepte auch mit einer Qualifizierung der Erzieher*innen einher. Die Verbreitung hat innerhalb der letzten zehn Jahre zugenommen, im Ruhrgebiet scheint es aber noch Spielräume zu geben. Die übrigen Bildungsbereiche haben eher marginalen Charakter; auf sie entfallen Startchancen zusammen nur noch ca. 2 bis 3 %.
Der Blick auf die Verteilung der Bildungsthemen (Tabelle 7.1) vermittelt eine Vorstellung von den Schwerpunkten des außerschulischen Bildungsangebots. Hier ist anzumerken, dass es nicht um die Einzelangebote der Akteure geht, sondern darum, welche Themen das jeweilige Gesamtangebot einer Organisation bedient. Wir haben weder systematische Informationen zum Umfang oder zur Frequenz der Angebote noch zur Zahl der Teilnehmer*innen.
Bei einer Gleichverteilung der Themen müsste jedes Thema bei einem Anteil von 5 % liegen. In der Tabelle wird aber erneut das Gewicht der Sportvereine sichtbar, denn Sport und Gesundheit – die Schwerpunkte der Sportvereine und Therapiezentren – dominieren die Themen.
Sehr interessant erscheint der Blick auf die darauffolgenden Themen: Interkulturelles Lernen, Integration und Migration sowie Reduzierung sozialer Ungleichheit sind sehr stark vertreten. Zählt man noch das Thema Armutsbekämpfung dazu, dann wird deutlich, dass rund ein Viertel der Themen in den außerschulischen Angebotsportfolios zentrale Rahmenbedingungen des Ruhrgebiets ansprechen. Auf den zweiten Blick sind auch ökologische Themen relativ stark: Nachhaltige Städte und Gemeinden, Ökosystem und Biodiversität, Klima, Wasser, Energie haben zusammen einen Anteil von bis zu 20 %.
Das ist insgesamt ein interessanter Befund, weil er auf die Bedeutung der außerschulischen Bildungslandschaft als wichtige Ressource zur Bewältigung der großen Herausforderungen der Region verweist: Das gilt sowohl für die Problemlagen, wie sie sich vor allem in den sozial stark segregierten Quartieren des Kernruhrgebiets finden, als auch für die Transformationsaufgaben der Gegenwart und Zukunft in Bezug auf Nachhaltigkeit.
Tatsächlich machen soziale Themen (siehe zur Themenzuordnung Abbildung 7.11, Antworten auf die Fragen 6a bis 6c) knapp zwei Drittel der Themen aus (64 %); ökologische Themen folgen mit 22 % und ökonomische Themen mit knapp 14 %, wobei es hier vor allem um Armutsbekämpfung und soziale Ungleichheit geht. Die große Mehrheit der Themen der außerschulischen Bildungslandschaft spricht demnach zwei der drei zentralen Nachhaltigkeitsdimensionen an, nämlich soziale (gesellschaftliche) und ökologische Nachhaltigkeit. Unter dem Vorbehalt, dass wir anhand der vorliegenden Daten nicht in die Tiefe blicken können, scheinen Themen zur wirtschaftlichen Nachhaltigkeit unter den Angeboten der außerschulischen Bildungslandschaft noch unterrepräsentiert zu sein.