Bildungsbericht Ruhr 2024

Außerschulische Bildung und Bildung für nachhaltige Entwicklung

Dr. Markus Küpker

7.1. Herausforderung für das Bildungsmonitoring

Kein Bildungsbereich ist in Bildungsberichten so unterrepräsentiert wie der Bereich der außerschulischen Bildung. Dabei ist seit Langem unumstritten und auch im Begriff vom „lebenslangen Lernen“ impliziert, dass wir den Großteil unseres Wissens und unserer Kompetenzen in außerschulischen Kontexten erwerben. Die Förderung solcher Lernprozesse ist höchst relevant, soweit sie Bildung vermitteln, die Schule und Berufsausbildung nicht abdecken und auf die Zieldimensionen von Bildung, auf die freie Persönlichkeitsentfaltung und auf die gesellschaftliche, politische, wirtschaftliche und kulturelle Teilhabe einzahlen (Autor*innengruppe Bildungsberichterstattung, 2012). Damit steht außerschulische Bildung auch im Fokus insbesondere der kommunalen Bildungssteuerung.

Das gilt umso mehr für das Ruhrgebiet mit seinen vielfältigen sozialen, wirtschaftlichen, ökologischen und – wie in den vorhergehenden Kapiteln gezeigt – großen bildungsspezifischen Herausforderungen und Problemlagen. Außerschulische Bildung allgemein und Bildung für nachhaltige Entwicklung im Besonderen können hier nicht nur im Sinne der staatlichen Daseinsvorsorge eine entscheidende Ressource sein, sondern auch in der Zusammenarbeit mit Kommunen bei der Gestaltung qualitativ hochwertiger Bildungsangebote im Ganztag Handlungsspielräume erweitern. Solche Kooperationen ermöglichen es, Formale BildungFormale Bildung findet in Bildungs- und Ausbildungseinrichtungen statt und führt zu anerkannten Abschlüssen.formale Bildungsangebote durch innovative und flexible außerschulische Bildungsformen zu ergänzen, was insbesondere im Hinblick auf Chancengleichheit und soziale Integration im Ruhrgebiet von hoher Relevanz ist.

Trotz seiner Bedeutung entzieht sich das Thema außerschulische Bildung aus mehreren Gründen einem vertieften und umfassenden Blick des Bildungsmonitorings:

Außerschulische Bildung schließt verschiedene Lernformen ein, die als Nonformale BildungNonformale Bildung findet außerhalb staatlicher oder staatlich anerkannter Bildungs- und Ausbildungseinrichtungen für die allgemeine, berufliche oder akademische Bildung statt und führt nicht zum Erwerb eines anerkannten Abschlusses.nonformale und informelle Bildung beschrieben werden können. Nonformale Bildung bezeichnet organisierte Bildungsangebote außerhalb des formalen Bildungssystems. Informelle Bildung hingegen umfasst das Lernen im Alltag, das durch Mediennutzung, soziale Interaktionen oder persönliche Erfahrungen geschieht. Informelles LernenInformelles Lernen wird als nicht didaktisch organisiertes Lernen in alltäglichen Lebenszusammenhängen begriffen, das von den Lernenden nicht immer als Erweiterung ihres Wissens und ihrer Kompetenzen wahrgenommen wird.Informelles Lernen ist oftmals situativ, zufällig und nicht zielgerichtet. Die Praxis ist jedoch nicht selten hybrid (Kommission der Europäischen Gemeinschaften, 2000). Außerschulische Lernprozesse werden dabei häufig an sogenannten außerschulischen Lernorten festgemacht (Siebert, 2006). Auch hier sind die Begriffsbestimmungen fließend: Museen, Theater und Bibliotheken sind klassische außerschulische Lernorte, aber auch ein Denkmal oder ein Skaterpark können Lernorte sein. Es gibt in der Literatur mithin Stimmen, die sagen: „Alles ist ein Lernort.“ (Nuissl, 2006, S. 29). Hinzu kommt die Unsicherheit bei der Abgrenzung zu formalen Bildungsformen. Beispielsweise können schulische Angebote im Ganztagsbereich sowohl formale als auch außerschulische Bildungselemente enthalten, was die Differenzierung erschwert (Rohlfs, 2011).

Außerschulisches Lernen ist ein Sammelbegriff, der eine breite thematische Vielfalt abdeckt, die von kultureller Bildung, MINTFächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) bis hin zu sportlichen und musischen Angeboten reicht. Diese thematische Breite geht mit einer starken Heterogenität der Akteure einher und macht es schwierig, außerschulische Bildung systematisch zu erfassen und in Bildungsmonitorings abzubilden. Die Angebotslandschaft ist zudem sehr dynamisch, sodass Erhebungen konkreter nonformaler Bildungsangebote sehr schnell veralten.

Aus diesen Faktoren – der großen thematischen Breite, schweren Abgrenzbarkeit und begrifflichen Unschärfen – resultiert die Schwierigkeit, aussagekräftige Daten zum Bildungsmonitoring zu mobilisieren. Das führt dazu, dass außerschulische Bildung in Bildungsberichten nicht oder nur fragmentarisch behandelt wird.*Als Beispiele siehe Autor*innengruppe Bildungsberichterstattung (2012, 2024), StädteRegion Aachen (2014). Das Thema BNE kommt noch seltener vor: Stadt Freiburg im Breisgau (2022). Sie bleibt auf bestimmte Teilaspekte oder spezielle Angebote begrenzt, was der Vielfalt und Bedeutung dieses Bildungsbereichs oft nicht gerecht wird. Es fehlen verlässliche und regelmäßig erhobene Daten insbesondere auf regionaler Ebene, was die Herausforderungen einer systematischen Betrachtung verschärft.

Ähnliches gilt für das Thema Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE). Das vorliegende Kapitel muss sich darauf beschränken, sie als außerschulische BNE zu betrachten (zur Begriffsbestimmung siehe Kapitel 7.4). Es ist jedoch zu konstatieren, dass es eine große Schnittmenge beider Themen gibt. Zudem spielen BNE-Konzepte in der außerschulischen Bildung eine wachsende Rolle. Dabei steht nicht nur die Entwicklung aussagekräftiger Indikatoren, die Hinweise geben könnten, wie stark diese Ansätze in der Praxis verankert sind, noch in den Anfängen, sondern es fehlt bislang auch eine umfassende Datenbasis dazu. Dies erschwert es, den aktuellen Stand der BNE in der außerschulischen Bildung systematisch zu erfassen und zu bewerten.*Siehe erste Vorschläge für Indikatoren auf Bundes- und Länderebene im Kurzbericht des Nationalen Monitorings zu Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) (Holst, 2023). Weitere Ansätze auf Bundesebene: Indikatoren der Deutschen Nachhaltigkeitsstrategie
(Statistisches Bundesamt, o. J.); auf Landesebene: Nachhaltigkeitsindikatoren Nordrhein-Westfalen (Landesregierung NRW, o. J.); sowie für einzelne Kommunen: das SDG-Portal der Bertelsmann Stiftung (o. J.).

Dabei spielt BNE im Ruhrgebiet eine immer wichtigere Rolle. Die Region strebt ehrgeizige Ziele im Bereich der nachhaltigen Entwicklung an wie die Vision des Regionalverbands Ruhr (RVR), die Metropole Ruhr zur „grünsten Industrieregion der Welt“ zu machen (Regionalverband Ruhr, 2024, S. 4). BNE kann dabei ein zentrales Instrument sein, um die Bevölkerung für die Herausforderungen des Klimawandels zu sensibilisieren und Lösungsansätze zu entwickeln.

Vor dem Hintergrund dieser schwierigen Rahmenbedingungen versucht das vorliegende Kapitel erstmals flächendeckende Erkenntnisse über die Struktur und Verteilung außerschulischer Akteure im Ruhrgebiet zu gewinnen. Es stützt sich dabei auf Daten, die im Zuge eines vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) finanzierten Projektes gewonnen wurden (siehe Infokasten auf Seite 253). Diese Daten liefern nicht nur Erkenntnisse zum Thema außerschulische Bildung, sondern auch darüber, inwieweit Akteure BNE bereits in ihre Bildungsangebote integriert haben. Damit zahlt das Projekt auf ein Desiderat ein, dass der jüngste BNE-Bericht beschreibt, wenn er konstatiert, es sei der „Komplexität und Breite von BNE inhärent, dass BNE-Indikatoren teilweise nicht über bereits vorhandene Statistiken abdeckbar sind, sondern auch eigener Erhebungen bzw. Analysen bedürfen“ (Holst, 2023, S 19).

Im Rahmen des Projektes wurden die außerschulischen Bildungsakteure im Ruhrgebiet recherchiert und ein Großteil von ihnen zu einer eigens entwickelten Befragung eingeladen, die Aufschluss über die Verbreitung, das Verständnis und die Schwerpunktsetzungen im BNE-Bereich geben sollte. Der erste der beiden Hauptabschnitte des Kapitels wertet die Recherchedaten zu den Bildungsakteuren aus. Der zweite Teil widmet sich den Ergebnissen der BNE-Befragung.

Das Forschungsprojekt

Die hier verwendeten Daten wurden im Zuge des BMBF-finanzierten Projektes „Angebotslandschaft zur außerschulischen Bildung mit dem Schwerpunkt Bildung für nachhaltige Entwicklung“, das RuhrFutur in Kooperation mit dem RVR vom Juni 2022 bis April 2023 durchführte, gewonnen.

Besonderer Dank gilt dem D-&-A Team von RuhrFutur (Julia Balke, Linda Dederich, Kira Dreffke, Fabian Lange, Linda Struck und Chiara Wölfle) und dem RVR-Team (Dr. Verena Eckl, Udo Elsner, Karim Taibi) für die hervorragende Zusammenarbeit.

Das Projekt sollte einen Überblick über die Landschaft der Akteure und ihre Aktivitäten im Themenfeld außerschulische Bildung mit dem Schwerpunkt Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) im Ruhrgebiet herstellen und über eine Befragung der in der Recherche identifizierten Akteure im Themenfeld BNE tiefergehende Informationen zur Angebotslandschaft erheben, analysieren und systematisieren.

Da die Annäherung an das BNE-Thema über eine Befragung außerschulischer Akteure hergestellt werden sollte, war für die Recherche das Vorhandensein einer Organisation entscheidend. In diesem Kontext ist z. B. nicht das Denkmal als Lernort wichtig, sondern die Kommune als Anbieter dieser außerschulischen Lernangebote. Dies legte den Schwerpunkt zugleich deutlich auf die nonformale Dimension des außerschulischen Bildungsbegriffs,
wenngleich informelle Lernprozesse nach den obigen Ausführungen dadurch enthalten sei können.

Während im Bereich der außerschulischen Bildung häufig zwischen Kinder-/Jugendbildung einerseits und Erwachsenenbildung andererseits unterschieden wird, wurden im Projekt alle Zielgruppen einbezogen. In machen Definitionen außerschulischer Bildung werden Kindertageseinrichtungen als Teil der herkömmlichen Bildungseinrichtungen weggelassen; sie wurden im Projekt mit in die Recherche einbezogen.

Die Akteure sollten nach Bildungsbereichen und nach Bildungsthemen klassifiziert werden. Die Auswahl der Bildungsbereiche (Abbildung 7.2) orientiert sich an den Standards von Bildungsberichten und Empfehlungen des Landes NRW (StädteRegion Aachen, 2014; MKFFI NRW & MSB NRW, 2018).

Die Bildungsthemen (Tabelle 7.1) stellen eine Kombination außerschulischer Bildungsthemen im Allgemeinen und den BNE-Themen im Besonderen dar. Ihre Formulierung orientiert sich an den Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen (2015) sowie an der Systematik der UNESCO (Deutsche UNESCO-Kommission, o. J.). Alle genannten Themen sind auch Themen der außerschulischen Bildung und zugleich kompatibel mit den Nachhaltigkeitszielen (SDGs).

Einige Einschränkungen der Recherche ergaben sich aus pragmatischen Aspekten des Vorhabens: Es wurden nur solche Organisationen erfasst, die über eine eigene E-Mail-Adresse verfügten, da die Einladung zur BNE-Befragung online durchgeführt werden sollte. Organisationen, bei denen erkennbar war, dass die Kontaktinformationen auf Privatpersonen deuten, wurden zwar in die zu erstellende Akteursliste aufgenommen, jedoch später nicht zur Befragung eingeladen. Der Lernort Internet wurde ausgeklammert. Das Projekt beschränkt sich auf die Bildungsakteure der Region, da die perspektivische Zielsetzung die Förderung regionaler Bildungsnetzwerke im Ruhrgebiet war. Ergänzend dazu wurde die einfache Bereitstellung von Informationsmaterial nicht als Bildungsangebot im engeren Sinne betrachtet. Weiterhin war ein wichtiges Kriterium, dass das Bildungsangebot öffentlich zugänglich sein muss. Das schließt Vereine ein, die Angebote ggf. nur Mitgliedern zugänglich machen, soweit die Mitgliedschaft theoretisch jedermann möglich ist. Zugleich schließt sie den größten Teil der Unternehmen im Ruhrgebiet aus, die u. U. zwar Bildungs-und BNE-Angebote haben, diese aber lediglich ihren Mitarbeiter*innen zugänglich machen. Dort, wo kommerzielle Akteure aufgenommen wurden, war maßgeblich, dass durch die Bereitstellung von Bildungsangeboten eine erkennbare Gemeinwohlorientierung deutlich wurde (z. B. Infrastrukturunternehmen, Verkehrsbetriebe). Jedoch war letzlich eine Einzelprüfung der rund 30.000 Unternehmen im Ruhrgebiet aus projektökonomischen Gründen nicht möglich. Bei einigen Gruppen von Akteuren war die Prüfung des Einzelfalls notwendig, um zu entscheiden, ob sie eigene Bildungsangebote hatten oder das Angebot als Bildungsangebot gewertet werden sollte. So wurde bei Stiftungen im Einzelfall entschieden, während Selbsthilfegruppen – es gibt rund 8.000 in Nordrhein-Westfalen – insgesamt ausgeklammert wurden. Insgesamt wurden zunächst 12.656 Akteure recherchiert, die in mehreren Korrekturdurchgängen auf knapp 10.700 reduziert wurden.

Insgesamt ergaben sich daraus folgende Kriterien für die Recherche: Als Akteure außerschulischer Bildung wurden keine Privatpersonen, sondern Organisationen aus dem RVR-Gebiet betrachtet, die online recherchierbar sind und ein Bildungsangebot haben, das mindestens ein außerschulisches Themenfeld (Tabelle 7.1) bedient, öffentlich zugänglich ist, entlang der gesamten Bildungskette liegen kann, Kinder-und Jugendliche und/oder Erwachsene anspricht und über ein einfaches Informationsangebot/Informationsmaterial hinausgeht.

Im Rahmen dieser Festlegungen und entlang der zuvor genannten Themenfelder wurde in mehreren Schritten eine Liste von initial 99 Akteurstypen bestimmt, um die Recherche systematisieren zu können. Diese wurden in einem nächsten Schritt zu 41 Typen zusammengefasst (Abbildung 7.1).

Die Ergebnisse der Recherche sind unter www.bildungsprojekte.ruhr in einer Onlineanwendung nutzbar. Dort können die Daten nach den obigen Kriterien gefiltert werden.

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