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Bildungsbericht Ruhr 2024

Frühe Bildung

Prof. Dr. Sybille Stöbe-Blossey
Dr. PH Sabine Wadenpohl

2.3. Die ungleichen Startbedingungen zu Beginn der Schulzeit - Ergebnisse der Schuleingangsuntersuchungen

In Nordrhein-Westfalen werden alle Kinder vor Schulbeginn von den Schulärzt*innen der Gesundheitsämter untersucht. Die sozialmedizinische Anamnese, die somatische Untersuchung und das Entwicklungsstand der Kinder/Sozialpädiatrisches Entwicklungsscreening für SchuleingangsuntersuchungenBei den Einschulungsuntersuchungen in Nordrhein-Westfalen wird der Entwicklungsstand der Kinder durch das standardisierte Sozialpädiatrische Entwicklungsscreening für Schuleingangsuntersuchungen (SOPESS) erfasst. Dieses Screening wurde vom Landesinstitut für Gesundheit und Arbeit des Landes Nordrhein-Westfalen (heute Landeszentrum Gesundheit Nordrhein-Westfalen) in Zusammenarbeit mit den Kinder- und Jugendgesundheitsdiensten der Gesundheitsämter Nordrhein-Westfalens und der Universität Bremen entwickelt.

Zur individualmedizinischen Indikation schulärztlicher Maßnahmen und Empfehlungen wie die Einleitung einer weiteren Diagnostik oder die Beratung von Eltern und Schulen werden bei den schulärztlichen Untersuchungen weitere sozialpädiatrische Erkenntnisse auch aus der somatischen Untersuchung inklusive der schulärztlichen Anamnese berücksichtigt. Ziel der schulärztlichen Untersuchung ist es, noch nicht bekannte oder ärztlich nicht ausreichend versorgte schulrelevante gesundheitliche Beeinträchtigungen zu identifizieren, damit notwendige ärztliche Behandlungen oder weitere (therapeutische) Maßnahmen möglichst noch vor Schulbeginn begonnen werden können. Schulärzt*innen haben eine wichtige sozialkompensatorische Funktion, indem sie Eltern und die Schule zielgruppenspezifisch beraten, um ein gesundes Aufwachsen aller Kinder zu ermöglichen. Die schulärztliche Untersuchung leistet so einen wichtigen Beitrag zur gesundheitlichen Chancengleichheit.

Defizite in der Sprachkompetenz (in der deutschen Sprache) zum Zeitpunkt der schulärztlichen Untersuchung zur Einschulung

Die Ausdrucksfähigkeit und das Sprachverständnis im Deutschen sind eine Grundvoraussetzung für den Schulerfolg und die aktive Teilnahme am Unterricht. Auch für die soziale Integration und das gelingende Aufwachsen in der Schule ist die Kommunikationsfähigkeit in der deutschen Sprache ein wichtiger Grundpfeiler. In diesem Zusammenhang muss differenziert werden, ob Kinder aufgrund einer sprachlich anregungsarmen Umgebung über nicht altersgemäße Deutschkenntnisse verfügen, oder ob eine spezifische Sprachentwicklungsstörung vorliegt (Rothweiler & Ruberg, 2011).

Auffälligkeiten im Bereich des Erkennens und Zeichnens von Objekten und Formen sowie Auffälligkeiten beim Umgang mit Zahlen und Mengen Das Erkennen und Zeichnen von Objekten und Formen sowie Auffälligkeiten beim Umgang mit Zahlen und Mengen stellen Grundvoraussetzungen für den Schulerfolg und die aktive Teilnahme am Unterricht dar. Diese (und weitere) spezifische und unspezifische Vorläuferfähigkeiten zum späteren schulvermittelten Erwerb von Lese-, Schreib- und Rechenkompetenzen werden ebenfalls mittels des Sozialpädiatrischen Entwicklungsscreenings erfasst. Die Screeningergebnisse geben Schulärzt*innen wichtige Hinweise im Rahmen der schulärztlichen Untersuchung, die sie für eine sozialpädiatrische Gesamtbeurteilung der einzuschulenden Kinder verwenden.

Für weitere Details zur Bestimmung der Defizite bei der Sprachkompetenz oder Auffälligkeiten im Bereich des Erkennens und Zeichnens von Objekten und Formen sowie Auffälligkeiten im Umgang mit Zahlen und Mengen, etwa die genaue Indikatorenbildung, siehe u. a. Daseking et al. (2009).
Entwicklungsscreening
bilden die Grundlage dafür, dass die Schulärzt*innen die Entwicklung und Gesundheit der Kinder einschätzen können. Die Untersuchungsergebnisse werden mit den Eltern besprochen. Bei Entwicklungsverzögerungen und gesundheitlichen Problemen werden die Eltern beraten, wie sie ihr Kind fördern und stärken können. Wenn Kinder nicht ausreichend medizinisch oder therapeutisch versorgt sind, geht es darum, noch vor der Einschulung die notwendigen Maßnahmen einzuleiten. Auch die zukünftige Grundschule erhält vom Gesundheitsamt eine Kopie des ärztlichen Gutachtens. So können die Lehrkräfte vom ersten Schultag an den besonderen Bedarf des Kindes berücksichtigen. Die schulärztliche Untersuchung hat eine wichtige sozialkompensatorische Funktion und trägt damit zur gesundheitlichen Chancengleichheit bei.

Der Vergleich mit den Untersuchungsergebnissen des Schuljahres 2017 sensibilisiert dafür, wie sich gesellschaftliche Rahmenbedingungen und Krisen insbesondere auf die Entwicklungschancen von Kindern aus eher benachteiligten Familien auswirken. Mit der Schließung von Einrichtungen und der Notbetreuung während der Corona-Pandemie verlagerte sich die Verantwortung für frühkindliche Bildung verstärkt in die Familien. Dieser Prozess setzt sich auch nach dem Ende der pandemiebedingten Einschränkungen fort, denn die Ausführungen in Kapitel 2 zeigen, dass die strukturellen und personellen Problemlagen in der Kitaversorgung mit einem deutlichen Rückgang der vorschulischen Bildungsteilhabe einhergehen.

Die Zuwanderung der vergangenen Jahre erfordert zudem sehr kurzfristig pädagogische Transformationsprozesse. Die Gruppe der anderssprachigen Kinder hat sich grundlegend verändert – von den für das Ruhrgebiet typischen Lebenswelten der Kinder mit familiärer Zuwanderungsgeschichte hin zu den Lebenswelten von Kindern mit eigener Zuwanderungserfahrung. Die Kitas sind durch ein hohes Maß an familiärer, ethnischer und sprachlicher Diversität geprägt. Dies erfordert hochdifferenzierte pädagogische Konzepte der frühkindlichen Bildung und Sprachvermittlung.

Ergebnisse im Überblick

In der Metropole Ruhr (Abbildung 2.28) weisen 40 % der Einschulungskinder deutliche Einschränkungen bei der Sprachkompetenz auf. Ein Viertel der Kinder zeigt Auffälligkeiten im Bereich des Erkennens und Zeichnens von Objekten und Formen, und jedes fünfte Kind kann Zahlen oder Mengen nicht altersgemäß erfassen und vergleichen. Fast jedes achte Kind (11,8 %) ist bereits bei der Einschulung übergewichtig oder adipös. Bewegungsmangel, oft verbunden mit hohem Medienkonsum, und unausgewogene Ernährung sind die vorrangigen Ursachen für Übergewicht bei Kindern. Jungen zeigen häufiger Auffälligkeiten als Mädchen, wobei der Unterschied im Bereich des Erkennens und Zeichnens von Objekten und Formen besonders ausgeprägt ist.*Für die Gesundheitsämter hatte die Pandemiebekämpfung oberste Priorität. Ab April 2020 konnten die Schuleingangsuntersuchungen nicht mehr bei allen Kindern und nicht mehr in vollem Umfang durchgeführt werden. Vorrangig wurden die Kinder untersucht, bei denen Eltern oder Pädagog*innen in den Kitas bzw. Grundschulen Entwicklungsverzögerungen oder gesundheitliche Problemlagen wahrnahmen. Auch für den Einschulungsjahrgang 2023 konnten noch nicht alle Kommunen in NRW den Regelbetrieb wieder aufnehmen und mussten weiterhin priorisieren. Diese Kommunen werden in der Auswertung nicht berücksichtigt, da die Ergebnisse nicht repräsentativ sind und das Gesamtbild verzerren würden. Auch auf eine kommunale Differenzierung wird deshalb verzichtet. Das Landeszentrum Gesundheit Nordrhein-Westfalen hat die aufbereiteten Datenbestände des Einschulungsjahrgangs 2023 für die Analyse zur Verfügung gestellt.

Die Kinder im Ruhrgebiet beginnen ihre Schulzeit häufiger unter schwierigen individuellen und sozialen Bedingungen (Abbildung 2.29). Besonders gravierend ist der Unterschied bei der Sprachentwicklung. Während in der Metropole Ruhr bei 40 % der Einschulungskinder die Sprachkompetenz nicht altersgerecht ausgebildet ist, sind es in den westfälischen Kommunen außerhalb des Ruhrgebiets nur gut 27 %.

Gegenüber 2017 ist der Anteil der Kinder mit auffälligen Entwicklungsverzögerungen in allen drei Kompetenzbereichen angestiegen. Dies gilt insbesondere für die deutsche Sprache und die mathematischen Vorläuferfähigkeiten. Da Testverfahren für das Zahlen- und Mengenverständnis auch von der Sprachentwicklung abhängig sind, wirken sich gravierende Defizite in der deutschen Sprache auf die Ergebnisse in diesen Modulen aus.

Diese Entwicklung zeigt sich sowohl in der Metropole Ruhr als auch in den übrigen Regionen Nordrhein-Westfalens (Abbildung 2.30). Auffällig ist, dass im Ruhrgebiet der Anteil der Kinder mit Sprachdefiziten um 3,8 Prozentpunkte (von 35,7 % auf 39,5 %) gestiegen ist und der Anstieg somit etwas geringer ausfällt als in den übrigen Regionen von Nordrhein-Westfalen (+4,8 Prozentpunkte von 25,4 auf 30,1 %). Möglicherweise wirkt sich hier aus, dass die Einrichtungen in der Metropole Ruhr aufgrund der Migrationstradition dieser Region eher auf Konzepte der frühkindlichen Sprachvermittlung zurückgreifen konnten. Dies darf jedoch nicht über die nach wie vor großen regionalen Unterschiede und die prekäre Lage vieler Kinder in der Region hinwegtäuschen. Dieser Befund ist umso problematischer, weil die Forschung zeigt, dass Kinder, die mit Kompetenzdefiziten eingeschult werden, diese meistens in den ersten Grundschuljahren nicht aufholen können (SWK, 2022).

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