Bildungsbericht Ruhr 2024
Frühe Bildung
2.3. Die ungleichen Startbedingungen zu Beginn der Schulzeit - Ergebnisse der Schuleingangsuntersuchungen
In Nordrhein-Westfalen werden alle Kinder vor Schulbeginn von den Schulärzt*innen der Gesundheitsämter untersucht. Die sozialmedizinische Anamnese, die somatische Untersuchung und das Entwicklungsscreening bilden die Grundlage dafür, dass die Schulärzt*innen die Entwicklung und Gesundheit der Kinder einschätzen können. Die Untersuchungsergebnisse werden mit den Eltern besprochen. Bei Entwicklungsverzögerungen und gesundheitlichen Problemen werden die Eltern beraten, wie sie ihr Kind fördern und stärken können. Wenn Kinder nicht ausreichend medizinisch oder therapeutisch versorgt sind, geht es darum, noch vor der Einschulung die notwendigen Maßnahmen einzuleiten. Auch die zukünftige Grundschule erhält vom Gesundheitsamt eine Kopie des ärztlichen Gutachtens. So können die Lehrkräfte vom ersten Schultag an den besonderen Bedarf des Kindes berücksichtigen. Die schulärztliche Untersuchung hat eine wichtige sozialkompensatorische Funktion und trägt damit zur gesundheitlichen Chancengleichheit bei.
Der Vergleich mit den Untersuchungsergebnissen des Schuljahres 2017 sensibilisiert dafür, wie sich gesellschaftliche Rahmenbedingungen und Krisen insbesondere auf die Entwicklungschancen von Kindern aus eher benachteiligten Familien auswirken. Mit der Schließung von Einrichtungen und der Notbetreuung während der Corona-Pandemie verlagerte sich die Verantwortung für frühkindliche Bildung verstärkt in die Familien. Dieser Prozess setzt sich auch nach dem Ende der pandemiebedingten Einschränkungen fort, denn die Ausführungen in Kapitel 2 zeigen, dass die strukturellen und personellen Problemlagen in der Kitaversorgung mit einem deutlichen Rückgang der vorschulischen Bildungsteilhabe einhergehen.
Die Zuwanderung der vergangenen Jahre erfordert zudem sehr kurzfristig pädagogische Transformationsprozesse. Die Gruppe der anderssprachigen Kinder hat sich grundlegend verändert – von den für das Ruhrgebiet typischen Lebenswelten der Kinder mit familiärer Zuwanderungsgeschichte hin zu den Lebenswelten von Kindern mit eigener Zuwanderungserfahrung. Die Kitas sind durch ein hohes Maß an familiärer, ethnischer und sprachlicher Diversität geprägt. Dies erfordert hochdifferenzierte pädagogische Konzepte der frühkindlichen Bildung und Sprachvermittlung.
Ergebnisse im Überblick
In der Metropole Ruhr (Abbildung 2.28) weisen 40 % der Einschulungskinder deutliche Einschränkungen bei der Sprachkompetenz auf. Ein Viertel der Kinder zeigt Auffälligkeiten im Bereich des Erkennens und Zeichnens von Objekten und Formen, und jedes fünfte Kind kann Zahlen oder Mengen nicht altersgemäß erfassen und vergleichen. Fast jedes achte Kind (11,8 %) ist bereits bei der Einschulung übergewichtig oder adipös. Bewegungsmangel, oft verbunden mit hohem Medienkonsum, und unausgewogene Ernährung sind die vorrangigen Ursachen für Übergewicht bei Kindern. Jungen zeigen häufiger Auffälligkeiten als Mädchen, wobei der Unterschied im Bereich des Erkennens und Zeichnens von Objekten und Formen besonders ausgeprägt ist.
Die Kinder im Ruhrgebiet beginnen ihre Schulzeit häufiger unter schwierigen individuellen und sozialen Bedingungen (Abbildung 2.29). Besonders gravierend ist der Unterschied bei der Sprachentwicklung. Während in der Metropole Ruhr bei 40 % der Einschulungskinder die Sprachkompetenz nicht altersgerecht ausgebildet ist, sind es in den westfälischen Kommunen außerhalb des Ruhrgebiets nur gut 27 %.
Gegenüber 2017 ist der Anteil der Kinder mit auffälligen Entwicklungsverzögerungen in allen drei Kompetenzbereichen angestiegen. Dies gilt insbesondere für die deutsche Sprache und die mathematischen Vorläuferfähigkeiten. Da Testverfahren für das Zahlen- und Mengenverständnis auch von der Sprachentwicklung abhängig sind, wirken sich gravierende Defizite in der deutschen Sprache auf die Ergebnisse in diesen Modulen aus.
Diese Entwicklung zeigt sich sowohl in der Metropole Ruhr als auch in den übrigen Regionen Nordrhein-Westfalens (Abbildung 2.30). Auffällig ist, dass im Ruhrgebiet der Anteil der Kinder mit Sprachdefiziten um 3,8 Prozentpunkte (von 35,7 % auf 39,5 %) gestiegen ist und der Anstieg somit etwas geringer ausfällt als in den übrigen Regionen von Nordrhein-Westfalen (+4,8 Prozentpunkte von 25,4 auf 30,1 %). Möglicherweise wirkt sich hier aus, dass die Einrichtungen in der Metropole Ruhr aufgrund der Migrationstradition dieser Region eher auf Konzepte der frühkindlichen Sprachvermittlung zurückgreifen konnten. Dies darf jedoch nicht über die nach wie vor großen regionalen Unterschiede und die prekäre Lage vieler Kinder in der Region hinwegtäuschen. Dieser Befund ist umso problematischer, weil die Forschung zeigt, dass Kinder, die mit Kompetenzdefiziten eingeschult werden, diese meistens in den ersten Grundschuljahren nicht aufholen können (SWK, 2022).