Bildungsbericht Ruhr 2024

Frühe Bildung

Prof. Dr. Sybille Stöbe-Blossey
Dr. PH Sabine Wadenpohl

Familiensprache, Bildungsniveau und Kitabesuch prägen die Entwicklung der Kinder

Die Familiensprache und das Bildungshintergrund im Kontext der SchuleingangsuntersuchungenEinladungen zu den Einschulungsuntersuchungen wird in NRW ein Fragebogen beigelegt, in dem die Eltern gebeten werden, über ihren Schulabschluss und ihren beruflichen Abschluss Auskunft zu geben. Die Beantwortung dieser Fragen ist freiwillig. Gefragt wird nach dem jeweils höchsten erworbenen schulischen und beruflichen Abschluss der Mutter und des Vaters. Maßstab für den Bildungsstand des Haushaltes ist der Bildungsstand des Elternteils, der den höchsten formalen Abschluss erworben hat. Die acht möglichen Ausprägungen werden in drei Kategorien zusammengefasst: Punktwert 1 bis 3: niedriger Bildungsstand; 4 bis 6: mittlerer Bildungsstand; 7 bis 8: hoher Bildungsstand (siehe Abbildung unten).

Die Definition entspricht den Empfehlungen der Deutschen Arbeitsgemeinschaft Epidemiologie, der Gesellschaft Informatik, Biometrie und Epidemiologie, der Deutschen Gesellschaft für Sozialmedizin und Prävention sowie der Deutschen Region der Internationalen Biometrischen Gesellschaft (Landesinstitut für Gesundheit und Arbeit des Landes Nordrhein-Westfalen, 2008).
Bildungsniveau der Eltern
haben einen deutlichen Einfluss auf die Entwicklungschancen der Kinder. Besonders ausgeprägt ist dies bei der Sprachkompetenz der Kinder (Abbildung 2.31): Während rund 7 % der Kinder aus deutschsprachigen Familien mit einem hohen Bildungsstand der Eltern bei der Entwicklungsstand der Kinder/Sozialpädiatrisches Entwicklungsscreening für SchuleingangsuntersuchungenBei den Einschulungsuntersuchungen in Nordrhein-Westfalen wird der Entwicklungsstand der Kinder durch das standardisierte Sozialpädiatrische Entwicklungsscreening für Schuleingangsuntersuchungen (SOPESS) erfasst. Dieses Screening wurde vom Landesinstitut für Gesundheit und Arbeit des Landes Nordrhein-Westfalen (heute Landeszentrum Gesundheit Nordrhein-Westfalen) in Zusammenarbeit mit den Kinder- und Jugendgesundheitsdiensten der Gesundheitsämter Nordrhein-Westfalens und der Universität Bremen entwickelt.

Zur individualmedizinischen Indikation schulärztlicher Maßnahmen und Empfehlungen wie die Einleitung einer weiteren Diagnostik oder die Beratung von Eltern und Schulen werden bei den schulärztlichen Untersuchungen weitere sozialpädiatrische Erkenntnisse auch aus der somatischen Untersuchung inklusive der schulärztlichen Anamnese berücksichtigt. Ziel der schulärztlichen Untersuchung ist es, noch nicht bekannte oder ärztlich nicht ausreichend versorgte schulrelevante gesundheitliche Beeinträchtigungen zu identifizieren, damit notwendige ärztliche Behandlungen oder weitere (therapeutische) Maßnahmen möglichst noch vor Schulbeginn begonnen werden können. Schulärzt*innen haben eine wichtige sozialkompensatorische Funktion, indem sie Eltern und die Schule zielgruppenspezifisch beraten, um ein gesundes Aufwachsen aller Kinder zu ermöglichen. Die schulärztliche Untersuchung leistet so einen wichtigen Beitrag zur gesundheitlichen Chancengleichheit.

Defizite in der Sprachkompetenz (in der deutschen Sprache) zum Zeitpunkt der schulärztlichen Untersuchung zur Einschulung

Die Ausdrucksfähigkeit und das Sprachverständnis im Deutschen sind eine Grundvoraussetzung für den Schulerfolg und die aktive Teilnahme am Unterricht. Auch für die soziale Integration und das gelingende Aufwachsen in der Schule ist die Kommunikationsfähigkeit in der deutschen Sprache ein wichtiger Grundpfeiler. In diesem Zusammenhang muss differenziert werden, ob Kinder aufgrund einer sprachlich anregungsarmen Umgebung über nicht altersgemäße Deutschkenntnisse verfügen, oder ob eine spezifische Sprachentwicklungsstörung vorliegt (Rothweiler & Ruberg, 2011).

Auffälligkeiten im Bereich des Erkennens und Zeichnens von Objekten und Formen sowie Auffälligkeiten beim Umgang mit Zahlen und Mengen Das Erkennen und Zeichnen von Objekten und Formen sowie Auffälligkeiten beim Umgang mit Zahlen und Mengen stellen Grundvoraussetzungen für den Schulerfolg und die aktive Teilnahme am Unterricht dar. Diese (und weitere) spezifische und unspezifische Vorläuferfähigkeiten zum späteren schulvermittelten Erwerb von Lese-, Schreib- und Rechenkompetenzen werden ebenfalls mittels des Sozialpädiatrischen Entwicklungsscreenings erfasst. Die Screeningergebnisse geben Schulärzt*innen wichtige Hinweise im Rahmen der schulärztlichen Untersuchung, die sie für eine sozialpädiatrische Gesamtbeurteilung der einzuschulenden Kinder verwenden.

Für weitere Details zur Bestimmung der Defizite bei der Sprachkompetenz oder Auffälligkeiten im Bereich des Erkennens und Zeichnens von Objekten und Formen sowie Auffälligkeiten im Umgang mit Zahlen und Mengen, etwa die genaue Indikatorenbildung, siehe u. a. Daseking et al. (2009).
Schuleingangsuntersuchung
Sprachdefizite aufweisen, ist dieser Anteil bei Kindern aus Familien mit niedrigem Bildungsstand um ein Vielfaches höher. Gravierend sind die Probleme bei Kindern, in deren Familien nicht vorrangig Deutsch gesprochen wird: Bei 70 % der Kinder werden ausgeprägte Defizite in der deutschen Sprache festgestellt, wobei auch hier das Bildungsniveau der Eltern einen deutlichen Einfluss hat.

Der Besuch einer Kita kann die Kompetenzen der Kinder erheblich fördern. Je länger Kinder eine Kita besuchen, desto besser entwickeln sich ihre sprachlichen Kompetenzen (Abbildung 2.32). Dabei profitieren Kinder aus anderssprachigen Familien sowie Kinder aus bildungsfernen Elternhäusern in besonderem Maße von den Bildungsangeboten der Einrichtungen. Jedoch scheinen die personellen und institutionellen Ressourcen für die notwendige frühkindliche Bildung und Sprachvermittlung nicht mehr auszureichen. Im Vergleich zu 2017 ist der Anteil der Kinder, die zum Zeitpunkt der Schuleingangsuntersuchungen (SEU) in NRWDie Schuleingangsuntersuchung als medizinisch-sozialpädiatrische Untersuchung zum Schulbeginn erfüllt neben der individualmedizinischen eine arbeitsmedizinische, eine epidemiologische und eine sozialkompensatorische Funktion. Sie soll unter dem Aspekt der staatlichen Fürsorge gewährleisten, dass im Zusammenhang mit der Schulpflicht keine gesundheitlichen Benachteiligungen entstehen, dass verwertbare Aussagen zu einem gesamten Altersquerschnitt möglich sind und die Auswirkungen sozialer Benachteiligung auf die Gesundheit von Schulkindern gemildert werden. Die rechtlichen Grundlagen finden sich in § 54 SchulG (Schulgesetz) sowie § 12 ÖGDG NRW (Gesetz über den öffentlichen Gesundheitsdienst des Landes Nordrhein-Westfalen).

Während der Corona-Pandemie war die Durchführung der Schuleingangsuntersuchungen erheblich eingeschränkt: Ab April 2020 konnten die Untersuchungen oft nur reduziert durchgeführt werden, und vorrangig wurden Kinder untersucht, bei denen Eltern oder pädagogisches Personal Entwicklungsverzögerungen oder gesundheitliche Problemlagen bemerkten. 2020 mussten etwa 67 % der Gesundheitsämter die Untersuchungen teilweise oder vollständig aussetzen; dennoch wurden rund 73 % des Einschulungsjahrgangs untersucht, allerdings meist in reduziertem Umfang (Drucksache 17/14842, 2021). Auch beim Einschulungsjahrgang 2023 konnten einige Kommunen den Regelbetrieb noch nicht vollständig wieder aufnehmen und mussten weiterhin priorisieren.
Schuleingangsuntersuchung
weniger als zwei Jahre eine Kindertageseinrichtung besucht haben, deutlich gestiegen (Abbildung 2.33). Die Angaben der Eltern bei den Schuleingangsuntersuchungen deuten darauf hin, dass insbesondere anderssprachige Familien sowie Familien mit niedrigem Bildungsniveau zunehmend Schwierigkeiten haben, einen Platz in einer Kindertageseinrichtung zu bekommen. Der konstatierte Rückgang in der Bildungsbeteiligung der Drei- bis Sechsjährigen (Abbildung 2.9) scheint sich somit vor allem zulasten von ohnehin benachteiligten Kindern zu vollziehen. Damit verschärfen sich in der Region Ruhr die problematischen Startbedingungen von Kindern, die für ihre Entwicklung zwingend auf institutionelle Unterstützung angewiesen sind.

Aber auch wenn die Kinder bereits zwei bis drei Jahre eine Kita besuchen, können die Entwicklungsverzögerungen und -störungen nicht mehr in dem Maße kompensiert werden, wie dies noch 2017 der Fall war (Abbildung 2.34). Besonders betroffen sind davon Kinder aus anderssprachigen Familien. Unabhängig vom Bildungsstand der Eltern ist der Anteil der Kinder gestiegen, die trotz eines zwei- bis dreijährigen Kitabesuchs Sprachdefizite aufweisen. Vergleichbar, aber auf deutlich niedrigerem Niveau, stellt sich die Situation für Kinder aus deutschsprachigen Familien dar.

Bemerkenswert ist, dass der Anteil der Kinder mit Sprachdefiziten in deutschsprachigen Familien mit hohem Bildungsniveau im Vergleich zu 2017 leicht zurückgegangenen ist. Die Auswirkungen der gesellschaftlichen Veränderungen und der pandemiebedingten Verlagerung der frühkindlichen Sprachvermittlung in den privaten Bereich konnten in Familien mit hohem Bildungsniveau deutlich erfolgreicher kompensiert werden. Dies deckt sich mit Forschungsergebnissen zu den Auswirkungen der Pandemie auf die Entwicklung und psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen. Ein niedriger sozioökonomischer Status, prekäre Wohnverhältnisse oder Neuzuwanderung stellen deutliche Risikofaktoren dar (Bohl, 2023).

Ähnlich wie in der Resilienzforschung weisen erste Forschungsergebnisse zu den Auswirkungen der Pandemie jedoch auch darauf hin, dass es keinen Automatismus zwischen Armut und kindlichen Entwicklungsverzögerungen gibt. Besonders gefährdet sind Kinder, die in Familien mit geringer Bindungsfähigkeit, geringer Empathie und geringer emotionaler Stabilität leben (Opp, 2020). Hier eröffnet sich das Feld, wie Eltern ihre Erziehungs- und Bindungskompetenz stärken können, um ihren Kindern den notwendigen Rahmen für ihre Entwicklung zu geben und um in gesellschaftlichen Krisen ausreichend resilient agieren zu können.

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