Bildungsbericht Ruhr 2024
Frühe Bildung
Familiensprache, Bildungsniveau und Kitabesuch prägen die Entwicklung der Kinder
Die Familiensprache und das Bildungsniveau der Eltern haben einen deutlichen Einfluss auf die Entwicklungschancen der Kinder. Besonders ausgeprägt ist dies bei der Sprachkompetenz der Kinder (Abbildung 2.31): Während rund 7 % der Kinder aus deutschsprachigen Familien mit einem hohen Bildungsstand der Eltern bei der Schuleingangsuntersuchung Sprachdefizite aufweisen, ist dieser Anteil bei Kindern aus Familien mit niedrigem Bildungsstand um ein Vielfaches höher. Gravierend sind die Probleme bei Kindern, in deren Familien nicht vorrangig Deutsch gesprochen wird: Bei 70 % der Kinder werden ausgeprägte Defizite in der deutschen Sprache festgestellt, wobei auch hier das Bildungsniveau der Eltern einen deutlichen Einfluss hat.
Der Besuch einer Kita kann die Kompetenzen der Kinder erheblich fördern. Je länger Kinder eine Kita besuchen, desto besser entwickeln sich ihre sprachlichen Kompetenzen (Abbildung 2.32). Dabei profitieren Kinder aus anderssprachigen Familien sowie Kinder aus bildungsfernen Elternhäusern in besonderem Maße von den Bildungsangeboten der Einrichtungen. Jedoch scheinen die personellen und institutionellen Ressourcen für die notwendige frühkindliche Bildung und Sprachvermittlung nicht mehr auszureichen. Im Vergleich zu 2017 ist der Anteil der Kinder, die zum Zeitpunkt der Schuleingangsuntersuchung weniger als zwei Jahre eine Kindertageseinrichtung besucht haben, deutlich gestiegen (Abbildung 2.33). Die Angaben der Eltern bei den Schuleingangsuntersuchungen deuten darauf hin, dass insbesondere anderssprachige Familien sowie Familien mit niedrigem Bildungsniveau zunehmend Schwierigkeiten haben, einen Platz in einer Kindertageseinrichtung zu bekommen. Der konstatierte Rückgang in der Bildungsbeteiligung der Drei- bis Sechsjährigen (Abbildung 2.9) scheint sich somit vor allem zulasten von ohnehin benachteiligten Kindern zu vollziehen. Damit verschärfen sich in der Region Ruhr die problematischen Startbedingungen von Kindern, die für ihre Entwicklung zwingend auf institutionelle Unterstützung angewiesen sind.
Aber auch wenn die Kinder bereits zwei bis drei Jahre eine Kita besuchen, können die Entwicklungsverzögerungen und -störungen nicht mehr in dem Maße kompensiert werden, wie dies noch 2017 der Fall war (Abbildung 2.34). Besonders betroffen sind davon Kinder aus anderssprachigen Familien. Unabhängig vom Bildungsstand der Eltern ist der Anteil der Kinder gestiegen, die trotz eines zwei- bis dreijährigen Kitabesuchs Sprachdefizite aufweisen. Vergleichbar, aber auf deutlich niedrigerem Niveau, stellt sich die Situation für Kinder aus deutschsprachigen Familien dar.
Bemerkenswert ist, dass der Anteil der Kinder mit Sprachdefiziten in deutschsprachigen Familien mit hohem Bildungsniveau im Vergleich zu 2017 leicht zurückgegangenen ist. Die Auswirkungen der gesellschaftlichen Veränderungen und der pandemiebedingten Verlagerung der frühkindlichen Sprachvermittlung in den privaten Bereich konnten in Familien mit hohem Bildungsniveau deutlich erfolgreicher kompensiert werden. Dies deckt sich mit Forschungsergebnissen zu den Auswirkungen der Pandemie auf die Entwicklung und psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen. Ein niedriger sozioökonomischer Status, prekäre Wohnverhältnisse oder Neuzuwanderung stellen deutliche Risikofaktoren dar (Bohl, 2023).
Ähnlich wie in der Resilienzforschung weisen erste Forschungsergebnisse zu den Auswirkungen der Pandemie jedoch auch darauf hin, dass es keinen Automatismus zwischen Armut und kindlichen Entwicklungsverzögerungen gibt. Besonders gefährdet sind Kinder, die in Familien mit geringer Bindungsfähigkeit, geringer Empathie und geringer emotionaler Stabilität leben (Opp, 2020). Hier eröffnet sich das Feld, wie Eltern ihre Erziehungs- und Bindungskompetenz stärken können, um ihren Kindern den notwendigen Rahmen für ihre Entwicklung zu geben und um in gesellschaftlichen Krisen ausreichend resilient agieren zu können.